Charlatan

ALIENATOR BERNE

PRESSECOMMUNIQUÉ FÜR BERN
Alienator on Tour
Fribourg - Bern - Kinshasa - Lomé
Ein Projekt von charlatan auf der Schnittstelle von Kunst & Wissenschaft
in den Räumen und im Umfeld von Marks Blond Project Bern – 14.5.-24.5.09 initiiert und realisiert von charlatan.
Die kulturelle, in Freiburg domizilierte Vereinigung charlatan hat sich zur Aufgabe gemacht, kulturelle Projekte transdisziplinärer Ausrichtung zu initiieren und realisieren. Bevorzugt werden dabei der Dialog zwischen den künstlerischen Disziplinen und weiteren Domainen der Recherche (Philosophie, Soziologie, Anthropologie u.a.), wie auch der Dialog zwischen den Kulturen (siehe auch www.charlatan.ch).
Kuratorinnen : Sandra Delvaux-Agbessi, Esther Maria Jungo.
Basierend auf unsere westliche Vergangenheit und Gegenwart, die einst gewesene, historische und heute sehr präsente Auseinandersetzung mit der Kultur des Südens, entstand das Projekt ALIENATOR, das in ausgewählten Aspekten an unterschiedlichen Orten in der Schweiz und in Afrika präsentiert wird.
Nach einem 10-tägigen Auftakt im Alten Bahnhof Freiburg, wo sich insgesamt 20 Schweizer und Afrikanische oder Südamerikanische Kunstschaffende aus den Bereichen Visuelle Kunst, Musik, Theater und Literatur und 7 Wissenschaftler (Historiker und Anthropologen)mit dem Teilen von Kultur und Identität auseinandersetzten, tritt unser Fremder - Alienator -
seine Reise an. An jedem Ort wird die Erfahrung des Fremden und die Erinnerung an die Heimat, die Suche nach Nähe und Selbst-Verständnis, die Verweigerung von (traditionellen und neuen) Abhängigkeiten, der Wunsch nach Autonomie und die Bedeutung von gegenseitiger Unterstützung, das Ahnen oder Wissen vom Ende oder Scheitern der Utopien der Moderne und das unablässige Fragen zu unserer Zeit auf neue Weise thematisiert.
Als visuelles Leitmotiv dient uns ein „Alien“ besonderer Art, der Einladungskarten, Plakate sowie die Publikation, gen. Expomag 3, ziert und von uns zu Alienator gemacht wurde: die Repräsentation eines einst traditionellen Lègba – ein Fetisch zur Orientierung, zum Schutz von Weg und Haus und zur Er-Öffnung in die Welt des Jenseits. Pikanterweise handelt es sich beim vorliegenden Abbild um eine Parodie einer traditionellen Plastik. Sie wurde von ihrem Erschaffer aus Porto Novo (Benin) in seiner Männlichkeit unterbunden und seine einst dunkle Hautfarbe wurde zu hellem Rosa mit farbigen Pickeln. Es scheint, als ob dem weissen Mann nach dem Ende der Kolonien die Hörner gestutzt wurden.

Die Publikation resp. das Druckerzeugnis Expomag 3 besteht aus einer Vielzahl gefalzten, beidseitig farbig gedruckten Blättern im Format 33 x 47 cm, und oszilliert zwischen Kunstwerk, Künstlerbuch, Plakat, Chronik und wissenschaftlicher Abhandlung.Themenbereich bildet, (nach bereits realisierten Expomag 1 & 2 über „l’esprit colonial“,, „colonisation“ und „décolonisation“), die grossen Utopien und Projekte (seit den 60er Jahren bis heute), welche gleichsam afrikanische wie auch westliche Kulturen prägen.

Von künstlerischer Seite finden sich Beiträge (sog. «modes d’emploi» zur Herstellung eines Kunstwerks im jeweiligen Kontext) von den folgenden Kunstschaffenden: Isabelle Krieg, Nika Spalinger, Christiane Hamacher in Zusammenarbeit mit Primula Bosshard, Jean-Damien Fleury in Zusammenarbeit mit dem Historiker Patrick Minder und dem Anthropologen Bernard Müller, Reto Leibundgut, Diana Dodson, MansourCiss & Baruch Gottlieb und Olivier Suter. Von Seiten der Forschung finden sich Texte von Paul Vandepitte, Jean-Marie Pellaux sowie Interviews mit Paul Virilio und Paul Parin.

Beteiligte Kunst-/Kulturschaffende/ Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler
Al Comet (*1959)
Für die Ausstellung hat der Freiburger Vollblut-Musiker Alain Monod, gen. Al Comet, die Klanginstallation „ALIENATOR MUSIQUE SYSTEME“, 2009 geschaffen, welche die in der Ausstellung präsentierten Arbeiten in ihrem Dasein gleichsam als Leitmotiv begleitet. Drei unterschiedliche, nicht synchron ertönende Klangquellen lassen im Zufallsprinzip unterschiedliche Musikstücke gleichen Ursprungs erklingen: koloriert vom Reichtum der technologischen Möglichkeiten, erinnert die Komposition an Traditionen und Gegebenheiten von Nord und Süd und oszilliert dabei zwischen afrikanischen Rhythmen & Klangfolgen und
industriell geprägtem Ambiente.
Fatma Charfi (*1955)
Die Tuneserin Fatma Charfi lebt seit über 20 Jahren in der Schweiz (Bern) und kennt somit den Graben, der sich zuweilen zwischen Nord und Süd auftut, am eigenen Leibe. Ihre fotografische Arbeit „Autoportrait, avec Abérics“, 1989, thematisiert diesen Zwiespalt auf beinahe schmerzhafte Weise: Ihr Selbstportrait präsentiert das fotografische Abbild einer in sich gekehrten Frau mit melancholischem Gesichtsausdruck. Der sie umgebende Schleier bleibt transparent, doch scheint, trotz Erkennen des Gesichts, kein Kontakt mit der Frau möglich zu sein. In eigenartiger Weise ist der Schleier von seltsamen roten Gebilden, die mit
weissem Schweizerkreuz versehen sind, bevölkert. Diese von der Künstlerin erfundenen Wesen, genannt Abrouc (pl. Abérics) befinden sich in steter Abhängigkeit zueinander, beziehen Nahrung voneinander und entwickeln sich, dirigiert durch einen leitenden „Imperativ“, kontinuierlich weiter. Dazu mit den Worten der Künstlerin: „Petit à petit le monde des Abérics est devenu une sorte de territoire personnel ou je peux voyager en toute liberté, visiter mon monde intérieur, me déconnecter de toute référence artistique et autres et dévoiler mes propres possibles émanant d’authentiques désirs...Certaines associations vont servir des thèmes politiques comme les portraits photo où mon visage est voilé en noir et couvert d’Abérics rouges et suisses une oeuvre sur le nationalisme mais aussi sur certaines conditions cachées de la femme.»

Jean-Damien Fleury (* 1960) ist Anstifter der Vereinigung Charlatan und Initiator der „Publikationen“ Expomagazines. Im Rahmen von ALIENATOR hat er „Expomagazine Afrique 3“ über die Dekolonisation und das Ende der grossen Utopien entwickelt, die als lose Faltblätter zwischen Publikation & künstlerischem Plakat – theoretischer Auseinandersetzung und künstlerischem Beitrag oszillieren.

Christiane Hamacher (* 1959) in Zusammenarbeit mit Primula Bosshard (* 1947). Das Auto ist in unserer Gesellschaft zu einem hochrangigen kulturellen Objekt geworden. Es eröffnet uns eine Welt voller Faszination und Symbolik, der sich nur wenige entziehen können. Autos sind Erlebnismaschinen. Als Statusobjekt verkörpert es die Identität des Besitzers. Der Typus, die Größe, Farbe und Form des jeweiligen Autos vermitteln ein gesellschaftlich codiertes Bild des Besitzers. In der privaten Hülle des Autos werden – unter Ausschluss der Öffentlichkeit und ohne die Möglichkeit, direkt angesprochen zu werden - kommen Wünsche, Ängste, Triebe und Ablehnung in uns hoch. In ihrem Umfeld sucht die Künstlerin mit der Fotografin Primula Bosshard die persönliche Auseinandersetzung mit Migranten, Migrantinnen und Einwanderern, um sie über ihr Verhältnis zu ihrem Auto zu befragen. „Was bedeutet ihnen Mobilität? Mit welchen Automarken identifizieren sie sich? Ist das Auto für sie ein Statussymbol?
Gibt es unterschiedliches Verhalten beim Autofahren und –besitz bei Männern und Frauen? Spielt das Geschlecht dabei eine Rolle?
Gibt es Zusammenhänge zwischen Ländern und Automarken? Sind Ausländer Raser? Wie viel Zeit und Geld stecken sie in das Fahrzeug? Ist ein Auto mit einem hohen Status wichtiger als eine Wohnungseinrichtung oder andere
persönliche und familiäre Bedürfnisse? Zu welchem Zeitpunkt der Integration wird ein Fahrzeug zugelegt? Ist es ein Symbol für eine gelungene Integration?“
Unter anderem entsteht die Foto- resp. Portraitserie (als Print sowie als Monitorarbeit) der Migranten mit ihrem ausgewählten Automobil., gen. « Identities on wheels», 2009. In gleicher Weise Chronist des Alltags bildet ein Videos, welches den Autohandel Schweiz-Afrika thematisiert: «Les voitures qui partent en Afrique», 2009, (4’ / 16’’). Als skulpturale Präsenz findet sich während der Vernissage vor Marks Blond ein voll bepacktes Auto mit begleitendem Video in seinem Innenraum vor seiner Abreise nach Kinshasa, bereit zur Einschiffung von Antwerpen in den Süden. (www.hamacher.ch)

Isabelle Krieg (* 1971)
Nach ihrer Ausstellung im Garten des Museums für Kunst und Geschichte in Freiburg im Jahr 2005, wo Isabelle Krieg mit einer Vielzahl weisser „Busenkomplexe“, gen. „Milchstrasse“ den vergessenen Garten verzauberte, schuf die Künstlerin für ALIENATOR den pechschwarzen Busenpopcorn gen. "black poptit", der nicht nur durch seine skulpturale Omnipräsenz, sondern ebenso durch seinen sinnlichen, schwarzen Zauber betört. (www.isabellekrieg.ch)

Nika Spalinger (* 1958)
„Nikas Travel-Agency“, 2009. Nika Spalinger installiert ihr Reisebüro im Rahmen ALIENATORS Berner Reise. Es werden
Reisen angeboten, topp aktuell in der Krisenzeit – supergünstig, ökologisch und sicher.

Olivier Suter (* 1959)
Der Freiburger Künstler Olivier Suter hat für ALIENATOR das Projekt „ENNEMIS: Adam Rantisi, Palestine – Hadas Kedar, Israël“ realisiert. Zu Beginn dieses Jahres fuhr der Künstler für seine spezifische Fragestellung des Doppelgängers in ein seit Christengedenken bestehendes Krisengebiet: nach Israel und Palästina. In einem extrem angespannten politischen Umfeld (gerade nach der Bombardierung der Israeliten des Gazastreifens kurz nach Weihnachten 2008) reist der Olivier Suter nach
Israel um, Palestinenser zu finden, welche bereit sind, ihr Portait in einer israelischen Tageszeitung zu veröffentlichen mit dem Ziel, einen israel-stämmischen Doppelgänger / resp. eine Doppelgängerin zu finden. Anfang März erschien in der Zeitung Haaretz eine Annonce mit dem fotografischen Abbild von 8 Palestinensern (dass sie Palestinenser waren, wurde indes nicht bekannt gegeben), wobei die Haaretz-Leser eingeladen waren, entsprechende Doppelgänger-Fotos einzugeben. 10 Eingaben konnte Olivier Suter entgegennehmen, wobei seine Wahl sogleich auf eine erstaunliche Ähnlichkeit zweier Kinder fiel. Wie es sich bald
herausstellte, handelte es sich beim ersten palestinensischen Kind um einen in Jerusalem lebenden Jungen namens Adam Rantisi, geb. am 2. Oktober 2003, bei anderen Kind um ein israelisches Mädchen namens Hadas Kedar, geb. am 7. Oktober 1963 – als erwachsene Frau lebt sie heute in Tel Aviv. Ein Konflikt, der seit langer Zeit besteht, in einer zeitgenössischen Brisanz gewiss seit 61 Jahren – 40 Jahre Altersdifferenz und die unüberwindbare Differenz der Geschlechter, finden sich praktisch wieder in einem Bild vereint.

Javier Téllez (* 1969)
Der in Venezuela geborene und heute in New York lebende Videokünstler widmet sich als Kind zweier Psychiater, aufgewachsen in einem entsprechenden Kontext, wo Normalität und Abnormes einander wie selbstverständlich die Hände reichen, seit Mitte der 90er Jahre dem Themenkreis von Normalität, Wahnsinn und institutioneller Macht. Sein Video «One flew over the void (Bala perdida)», 2005, 11’ 30’’ zeigt ein selbstorganisierter «Zirkus» von Insassen einer psychiatrischen Klinik in Mexiko, wie sie
Masken und Pamphlete tragen, um gegen die öffentliche Meinung psychisch Kranker zu protestieren. Diese Prozession erhält einen weiteren Höhepunkt anlässlich des menschlichen Kanonenballs David Smiths, der sich über die Grenze Amerika-Mexiko schiessen liess, um an der aktuellen Immigrationspolitik Kritik zu üben. Diese Darlegung zweier disparater, politscher und sozialer Anliegen setzt sich mit der Ausgrenzung in unserer Zeit auseinander, wobei Unmittelbarkeit, Spiel und Humor einander die Hand reichen – Qualitäten, die als heilende Alternativen in einer Gesellschaft, die von Isolation, Ausgrenzung und Rassismus geprägt ist, betrachtet und erlebt werden können.